Schnellen Schrittes

Samstag. Kringelsdorf. Kurz nach neun. Die Vögel zwitschern. Die Baumwipfel bewegen sich gemächlich hin und her. Die Morgensonne erwärmt die Luft. Angenehm. Angenehm still. Irgendwie - zu still.
Ein sich stetig steigerndes Brummen wächst zu einem Sirenengeheul heran. Einmal, zweimal, dreimal. Ein Alarm durchbricht die Stille und lässt die Vögel verstummen.

Es ist Samstag, der 21. Mai 2016 und irgend etwas ist passiert. Dem Klang der Sirenen nach zu vernehmen nichts Gutes.

Wie sich herausstellte, kam ein Auto aus Richtung Reichwalde mit viel zu hoher Geschwindigkeit von der Straße ab. Es nutzte einen Schutthaufen als Rampe und flog frontal gegen eine Scheune. Der Fahrer, schwer verletzt und blutüberströmt. Keine Regung zu erkennen.


Durch den Aufprall stürzte ein Teil der Scheune ein, wodurch eine dort arbeitende Person unter einem Anhänger verschüttet wurde und als wäre das alles noch nicht genug, fing die Scheune auch noch Feuer.

Ein Unfallszenario wie aus einem Sonntagabend-Film. Furios, effektvoll, durchchoreographiert. Als hätte es jemand mit Hang zum Dramatischen am Reißbrett entworfen. Zum Glück war dem auch so. Allerdings für keinen Film, sondern als Grundlage für eine Einsatzübung der Freiwilligen Feuerwehr. Die verletzte Person im Auto wurde von einem Kringelsdorfer gespielt, der Verschüttete in der Scheune durch eine Puppe angedeutet und der Brand durch Rauchbomben simuliert.

Die Freiwillige Feuerwehr Kringelsdorf plante dieses Szenario schon seit über einem halben Jahr. Ziel war es das taktische und technische Zusammenwirken aller Gemeindefeuerwehren zu trainieren und zu festigen.

Kurz nach dem Verstummen der Sirenen waren die Kringelsdorfer Kameraden als erstes an Ort und Stelle.

Die Lage wurde sondiert, der verletzte Autofahrer stabilisiert, die verschüttete Person untersucht und beruhigt, sowie ein Dachstuhlbrand gemeldet.

Nach und nach trafen alle anderen Gemeindefeuerwehren ein. Die Brandbekämpfung übernahmen Fahrzeuge der Freiwilligen Feuerwehren von Klitten, Reichwalde, Nochten, Bärwalde, Uhyst und Drehna.
Ihre Aufgabe war es, eine Wasserstrecke vom 200 m entfernten Schöps bis hin zur Scheune aufzubauen, um den dortigen Brand zu bekämpfen.

Die verschüttete Person in der Scheune wurde durch die Kameraden des Hilfeleistungslöschfahrzeug der FF Boxberg betreut.
Dort mussten, ganz wie beim Mikado, Balken und Schutt entfernt werden. Jede Bewegung und Erschütterung sollte bei dem Verschütteten so gut es ging vermieden werden.
Danach wurde der Anhänger mit einem pneumatischen Hebesatz nach oben gestemmt, um die eingeklemmte Person darunter befreien zu können.

Um das verunglückte Fahrzeug und die darin befindliche Person kümmerten sich die Freiwillige Feuerwehr Kringelsdorf mit Unterstützung eines Fahrzeugs der FF Klitten und des Rettungsdienstes. Die Fahrerkabine wurde vorsichtig aufgeschnitten und der Verletzte aus dieser, auf einer Trage, in den Rettungswagen geschoben und abtransportiert.

Für die stetig wachsende Zuschauermenge kam es danach zur skurrilsten und lustigsten Situation. Kurz nachdem der Rettungswagen den Platz verlassen hatte, kam der soeben Gerettete, das halbe Gesicht verbunden, den Infusionsbeutel noch in der Hand, wieder zurück. Er setzte sich in das verunglückte Fahrzeug und fing erneut an zu stöhnen.

Eine zweite Rettungsübung lief an. Nur dass dieses Mal das Dach des Fahrzeugs heruntergeschnitten wurde, um die Person auf diese Weise zu befreien.

Im Endeffekt also eine Übung, bei der es viel zu trainieren und auch zu lernen gab. Der Einsatzleiter war mehr als zufrieden mit dem Vormittag.

Lernen konnten auch die Umstehenden noch etwas. Für die Zuschauer sah das ganze Spektakel eher gemächlich aus. Es gab Feuerwehrmänner die nichts zu tun hatten und welche, die ruhigen Schrittes durch die Gegend liefen. Gar nicht so, wie man es aus dem Fernsehen gewohnt ist. Niemand rannte herum, alles lief irgendwie viel zu geregelt ab. Für einen Laien absolut unverständlich. »Müssen die nicht zu dem Verletzten rennen? Sollten die nicht viel schneller sein? Da ist ja die Scheune schon lange abgebrannt! Aber die wissen ja, dass das eine Übung ist, deshalb sind die wahrscheinlich so langsam!«, machten sich manche Zuschauer Sorgen.

Aber langsam waren sie auf gar keinen Fall, sie befolgten nur die strikte Regel: »Ein Feuerwehrmann rennt nicht, er geht schnellen Schrittes«. Denn wer in Gefahrensituationen rennt und in Hektik verfällt, macht Fehler und begibt sich selbst in Gefahr.

Also hoffen wir, dass wir in unserem Leben bei keinem echten Einsatz einen durch die Gegend rennenden Feuerwehrmann oder -frau sehen. Denn unsere Sorgen könnten dann berechtigter sein.
Hoffen wir, bei einem echten Einsatz auch mal einen sitzenden oder schwätzenden Kameraden zu sehen, denn jeder Feuerwehrkamerad der gerade nicht gebraucht wird, ist immer noch besser, als einer der fehlt.

Autor: Mario Damian

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Letzte Änderung amDonnerstag, 26 Mai 2016 12:37